„Galina, es reicht. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. »
„Also hast du sie ihr geschenkt. »
„Ich habe gar nichts geschenkt! » Seine Stimme wurde scharf.
Galina setzte sich ihm gegenüber.
„Witja, wir sind seit zwanzig Jahren zusammen. Wenn zwischen euch etwas ist, dann sag es mir ehrlich. »
„Zwischen uns ist gar nichts! » Er sprang auf. „Du hast dir diesen Unsinn ausgedacht! »
„Warum wirst du dann wütend? »
„Weil mich das aufregt! Ich arbeite wie ein Ochse, komme nach Hause, und hier warten Verhöre auf mich! »
Witalij knallte die Küchentür zu. Galina blieb sitzen und starrte auf einen Punkt.
Zwanzig Jahre. Die Tochter Mascha war schon verheiratet, der Sohn Sergej studierte an der Universität.
Sie erinnerte sich daran, wie ihr Mann vor einem Jahr angefangen hatte, später nach Hause zu kommen. Wie er öfter vor dem Spiegel stand und sich ein neues Hemd gekauft hatte.
Damals hatte sie es für eine Midlife-Crisis gehalten.
Er war auch kälter geworden. Er umarmte sie seltener, sprach weniger über die Zukunft. Sie hatte geglaubt, es sei Müdigkeit, die Arbeit. Er war leitender Ingenieur auf einer Baustelle und hatte genug Stress.
In der Küche klirrte ein Geschirrstück. Witalij wusch eine Tasse ab und schlug dabei laut mit dem Löffel dagegen.
Galina öffnete erneut Svetlanas Fotos. Da war sie am Strand, da im Restaurant, da am Meer. Und überall trug sie dieselben Ohrringe.
Galina vergrößerte eines der Bilder. Svetlana strahlte: Bräune, Frisur, Maniküre. Der Urlaub war gelungen.
„Und mit wem bist du gefahren? Allein? », schrieb Galina.
Lange kam keine Antwort. Dann erschien eine Nachricht.
„Mit einer Freundin. Hör mal, ich bin beschäftigt, wir reden später. »
Galina wusste, dass Svetlana log. Langsam schloss sie das Telefon, ging zum Fenster und öffnete den Fensterflügel.
Kühle Abendluft drang in die Küche und bewegte die Vorhänge. Galina blickte auf die Straße, wo die Nachbarskinder Fahrrad fuhren, lachten und laut miteinander redeten.
Dann drehte sie sich um.
Witalij stand mit dem Rücken zu ihr am Spülbecken und schrubbte noch immer heftig an der Tasse, als wollte er Spuren entfernen, die gar nicht da waren.
Galina sagte kein Wort. Sie ging in den Flur, nahm die Schlüssel und trat hinaus.
Die Tür schloss sich leise, fast lautlos.
Draußen blieb sie stehen und atmete die feuchte Luft ein. Dann ging sie los, ohne zu wissen wohin, aber nach vorn, Schritt für Schritt.
Hinter sich ließ sie zwanzig Jahre zurück, die Stille und die fremden Stimmen aus dem Fernseher.
