Sie verspotteten seinen alten Brunnen im Hinterhof, bis das kostenlose Wasser der Stadt versiegte und er den letzten Eimer in Händen hielt.

An einem Freitagnachmittag tauchte Wade wieder am Zaun auf. Diesmal kam er in seinem wei�en Pickup, nicht mit dem Quad. Sein Gesicht war rot, sein Kiefer angespannt.

�Sie haben mit Nora Bell gesprochen�, sagte er.

Eli stapelte Brennholz.

�Ich unterhalte mich mit Leuten.�

�Du f�llst ihren Kopf mit Verschw�rungstheorien.�

�Sie liest Dokumente.�

�Dokumente bedeuten nicht das, was Sie denken.�

�Dann erkl�re sie mir.�

Wade knallte die LKW-T�r zu.

�Du hast diese Stadt schon immer gehasst.�

Eli legte einen gespaltenen Holzscheit auf den Stapel.

�Ich bin geblieben.�

�Weil dich sonst niemand wollte.�

Die Worte hingen dort.

Eli sah Wade dann an. Er sah ihn wirklich an.

Wade war einst ein gutaussehender Junge gewesen, breitschultrig wie ein Quarterback und blond, der Typ Junge, dem Lehrer verziehen, bevor er sich entschuldigte. Er hatte die Tochter eines Bankiers geheiratet, Land gekauft, war in Komitees mitgewirkt und gelernt, f�r Kameras zu l�cheln. Doch das Alter hatte ihn an den falschen Stellen weich gemacht. Sein Selbstvertrauen war in Angst umgeschlagen.

Eli hatte fast Mitleid mit ihm.

Fast.

�Geh nach Hause, Wade.�

�Glaubst du, wenn es hart auf hart kommt, werden die Leute Schlange stehen an deinem kleinen Brunnen?�

Eli sagte nichts.

Wade trat n�her an den Zaun heran.

�Du solltest dir besser merken, wer deine Freunde sind.�

« Ich tue. »

Wades Augen verengten sich.

�Du hast keine.�

Eli hob einen weiteren Baumstamm auf.

�Dann wird das Erinnern wohl einfacher.�

W�tend fuhr Wade davon.

In jener Nacht �berpr�fte Eli zum ersten Mal seit Jahren das Schloss am Brunnendeckel.

Der Notstand begann an einem Dienstag.

Um 6:14 Uhr fiel der Druck im Harrow Creek vollst�ndig aus.

Kaffeemaschinen husteten Luft. Wasserh�hne zischten. Duschen funktionierten nicht mehr, Shampoo klebte noch in den Haaren. Toiletten sp�lten nicht. Die Grundschule schloss vor dem ersten Klingeln. Das Krankenhaus schaltete auf Notfallbetrieb um.

 

 

 

Gegen Mittag ver�ffentlichte AquaPure eine Stellungnahme.

Aufgrund der beispiellosen D�rre und notwendiger technischer Anpassungen wird die Wasserversorgung vor�bergehend eingestellt. Wir danken Ihnen f�r Ihre Geduld.

Vor�bergehend.

Dieses Wort hat viel bewirkt.

Um drei Uhr waren im Lebensmittelladen alle Flaschenwasser ausverkauft.

Um f�nf Uhr stritten sich die Leute auf dem Parkplatz um Kisten mit Sportgetr�nken.

Bei Sonnenuntergang gab der B�rgermeister die Ausgabestellen in der Turnhalle der High School und der Feuerwache bekannt. Jeder Haushalt sollte zwei Gallonen pro Person erhalten, vorbehaltlich der Lieferung durch den Landkreis.

Die Lastwagen trafen erst am n�chsten Nachmittag ein.

Als sie ankamen, erstreckte sich die Schlange �ber sechs H�userbl�cke.

Eli beobachtete das Geschehen von seinem Lastwagen am Stadtrand aus.

Er sah M�tter mit Kinderwagen. Alte M�nner mit Eimern. Teenager, die so taten, als h�tten sie keine Angst. Wade Harlan stand mit Sonnenbrille und Gemeindeausweis in der N�he des Eingangs und rief den Leuten zu, ruhig zu bleiben, w�hrend auf der Ladefl�che seines Pickups sechs blaue Container geladen waren.

Nora fand Eli in der N�he des Eisenwarenladens.

�Habt ihr Wasser?�, fragte sie.

« Ja. »

« Wie viel? »

�Mir gen�gt das.�

Sie sah ersch�pft aus. Staub rann ihr �ber die Wange. Ihr Haar war schlecht zusammengebunden, als h�tte sie es im Dunkeln getan.

�Die Leute sagen, dein Brunnen sprudelt noch.�

« Ich wei�. »

�Stimmt das?�

Eli antwortete nicht sofort.

Ein Junge auf der anderen Stra�enseite lie� einen Plastikkanister fallen. Er zersprang. Wasser ergoss sich in einem gl�nzenden Strahl �ber den B�rgersteig, und drei Erwachsene st�rzten sich darauf, bevor sie erkannten, dass nichts mehr zu retten war.

�Ja�, sagte Eli.

Nora schloss kurz die Augen.

�Dann musst du vorsichtig sein.�

�Das wei� ich auch.�

Am dritten Tag war die Geduld am Ende.

Die Lieferpause bei AquaPure hielt an. Die Fahrzeuge des Landkreises kamen zwar, aber es reichten nie. Das Krankenhaus hatte Vorrang. Dann die Pflegeheime. Dann die Schulen. Alle anderen mussten warten.

Nachts klang Harrow Creek anders. Keine Rasensprenger. Keine Waschmaschinen. Keine Kinder, die in Pools planschten. Nur Generatoren, bellende Hunde und Autos, die langsam auf Stra�en entlangfuhren, wo sie eigentlich nichts zu suchen hatten.

Am vierten Morgen fand Eli Fu�spuren am Brunnen.

Drei S�tze.

Ein gro�er. Zwei kleinere.

Das Schloss hielt.

Er stand unter der Pappel, betrachtete die Abdr�cke im Staub und sp�rte etwas, das k�lter war als Wut.

Bis Mittag hatte er eine Wildkamera im Baum installiert.

 

 

 

Um zwei Uhr kam Nora mit ihrem jugendlichen Neffen Caleb auf dem Beifahrersitz an. Caleb war sechzehn, d�nn, f�r alles verlegen und trug zwei leere Kr�ge bei sich.

Nora trat hinaus.

�Ich w�rde nicht fragen, wenn es nicht seinetwegen w�re�, sagte sie.

Eli sah Caleb an.

Der Junge starrte auf seine Schuhe.

�Wie geht es deiner Schwester?�, fragte Eli.

Nora schluckte. �Ich bin dehydriert. Der Landkreis hat uns gestern etwas Wasser gegeben, aber Mama braucht ihre Medikamente mit Wasser, und Caleb versucht, nichts zu trinken, damit sie es kann.�

Eli nahm die Kr�ge.

« Aufleuchten. »

Nora blinzelte.

�Das war�s?�

�Das war�s.�

Er f�llte beide Kr�ge an der Pumpe. Das Wasser war kalt und klar und roch leicht nach Stein, Eisen und Erde. Caleb sah zu, als w�re es Zauberei.

Eli reichte ihm einen Metallbecher.

« Trinken. »

Caleb sah Nora an.

�Trink�, sagte sie.

Der Junge trank. Sein Hals bewegte sich. Als er den Becher senkte, waren seine Augen feucht.

�Danke, Sir�, fl�sterte er.

Eli schaute weg.

�Bringt die Kr�ge morgen wieder mit.�

Die Nachricht verbreitete sich schneller als die Gnade.

Am Abend standen drei Autos vor Elis Zaun.

Ein junges Paar mit einem Baby.

Frau Alvarez und ihr Sohn.

Ein Mann, den Eli kaum kannte, aus der Reifenwerkstatt.

Sie fragten h�flich. Besch�mt. Verzweifelt.

Eli schenkte jedem Haushalt f�nf Gallonen.

�Nur Alkohol und Medikamente�, sagte er. �Kein Autowaschen. Kein Baden. Kein Rasenm�hen.�

Niemand lachte.

Am n�chsten Tag waren es neun Autos.

Dann siebzehn.

Eli hat Regeln aufgestellt. Ein Haushalt. F�nf Gallonen. Bringt eure eigenen Beh�lter mit. Kein Dr�ngeln. Nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr kommen. �ltere, Kranke und Kinder haben Vorrang.

Nora half beim Organisieren der Schlange. Caleb trug Kr�ge. Frau Alvarez schrieb Namen in ein Spiralheft. Eli pumpte, bis seine Schultern brannten.

Am sechsten Tag traf Wade Harlan ein.

Er hat nicht angestanden.

Er parkte seinen Lastwagen am Tor und ging direkt auf den Brunnen zu. Er trug zwei gro�e Beh�lter, jeder mit der Aufschrift �f�nfzehn Gallonen�.

Nora trat vor ihn.

�Die Schlange beginnt dort hinten.�

Wade blickte an ihr vorbei zu Eli.

�Das ist dein Ernst?�

Eli pumpte unaufh�rlich Wasser in Frau Alvarez’ Krug.

�Die Schlange beginnt dort hinten�, sagte er.

�Ich bin Stadtratspr�sident.�

« Gl�ckwunsch. »

Einige Leute lachten leise.

Wade h�rte es. Sein Gesicht verd�sterte sich.

�Wir koordinieren die Notfallressourcen. M�glicherweise muss dieser Brunnen beschlagnahmt werden.�

Eli h�rte auf zu pumpen.

Im Hof ??wurde es still.

�Von wem?�, fragte er.

�Die Stadt.�

�Ich wohne nicht in der Stadt.�

�Der Landkreis also.�

�Hast du Papiere?�

Wade beugte sich n�her.

�Spiel mir nicht den Anwalt vor.�

Eli reichte Frau Alvarez ihren Krug.

�Ich spiele nicht.�

Nora hob ihr Handy und begann zu filmen.

Wade bemerkte es.

�Es geht hier nicht darum, dass du ein Held bist, Eli. Die Menschen brauchen Wasser.�

�Sie verstehen es.�

�F�nf Gallonen? Das ist doch nichts.�

�Das ist das, was der Brunnen gefahrlos liefern kann.�

�Das wei�t du nicht.�

Elis Stimme blieb emotionslos. �Das wei� ich ganz genau.�

Wade deutete auf die Pumpe.

�Dieses Wasser geh�rt dieser Gemeinschaft.�

Eli betrachtete die Menschenschlange: m�de Gesichter, staubige Kleidung, leere Beh�lter, die wie Gebete umklammert wurden.

Dann blickte er zur�ck zu Wade.

�Diese Gemeinde hat zwei Jahre lang �ber dieses Wasser gelacht.�

Wades Mund verengte sich.

�Aha, darum geht es also. Rache.�

�Nein�, sagte Eli. �Rache hie�e, dich durstig zu lassen.�

Niemand sprach.

Wade wich gedem�tigt und w�tend zur�ck.

�Das wirst du bereuen.�

Eli pumpte weiter.

�Die Schlange beginnt dort hinten.�

Wade ging nach links.

Aber er ging nicht nach Hause.

In jener Nacht wurde er von der Wildkamera gefilmt.

Um 1:37 Uhr durchtrennten Wade Harlan und zwei M�nner den Zaun an der Seite des Grundst�cks und durchquerten Elis Hof. Sie trugen Schl�uche, tragbare Tanks und eine batteriebetriebene Pumpe. Sie bewegten sich leise, aber nicht vorsichtig. M�nner wie Wade glaubten, leise zu sein bedeute, unsichtbar zu sein.

Sie erreichten den Brunnen.

Wade brach das Schloss mit einem Bolzenschneider auf.

Der Zedernholzdeckel fiel ab.

Er lie� den Pumpenschlauch in die Dunkelheit hinab.

Die Kamera hat alles aufgezeichnet.

Es wurde auch aufgezeichnet, was als N�chstes geschah.

Eli trat von der Veranda hervor und hielt eine Schrotflinte in der Hand, die er sicher auf den Boden gerichtet hielt.

�Nimm deinen Schlauch aus meinem Brunnen.�

Die drei M�nner erstarrten.

Wade drehte sich langsam um.

�Du verr�ckter Hurensohn!�

�Nimm es heraus.�

Einer der M�nner, Gary Phelps aus der Autowerkstatt, hob die H�nde.

�Wade sagte, du h�ttest zugestimmt.�

�Nein, hat er nicht�, sagte Eli.

Gary sah Wade an.

Der andere Mann, Wades Schwager Martin, fl�sterte: �Mann, ich hab�s dir doch gesagt, das ist dumm.�

Wade zeigte auf Eli.

�Wenn du abdr�ckst, ist es vorbei.�

�Ich muss es nicht ziehen.�

�Drohen Sie uns?�

�Sie begehen Hausfriedensbruch, Einbruch und verunreinigen meinen Brunnen mit Ger�ten, die ich nicht �berpr�ft habe. Ich fordere Sie auf, das Grundst�ck zu verlassen.�

Wade lachte, aber es wackelte.

�Verunreinigend? Das ist doch nur ein Gartenschlauch.�

�Was befand sich im Tank?�

Niemand antwortete.

Elis Griff verst�rkte sich.

�Was befand sich im Tank?�

Gary senkte den Blick.

�D�ngermischung letzten Monat�, murmelte er.

Zum ersten Mal wirkte Wade unsicher.

Elis Gesicht wurde vor Wut kreidebleich.

�Verschwindet von meinem Grundst�ck!�

Sie verlie�en sein Land.

Im Morgengrauen rief Eli den Sheriff an.

Der Sheriff kam um neun Uhr, h�rte sich die Geschichte an, sah sich die Aufnahmen der Wildkamera an und seufzte, als h�tte Eli ihm Unannehmlichkeiten bereitet.

�Sie wissen, dass die Spannungen hoch sind�, sagte Sheriff Dobbs.

�Sie sind in meinen Brunnen eingebrochen.�

�Ich sage nicht, dass sie es nicht getan haben.�

�Dann verhaftet sie.�

Dobbs rieb sich den Nacken.

�Wade sagt, er habe geglaubt, er habe Notstandsbefugnisse.�

�Er glaubte, Bolzenschneider seien Papierkram?�

Nora, die daneben stand, lachte kurz auf.

Der Sheriff ignorierte sie.

�Ich werde Anzeige erstatten.�

Eli starrte ihn an.

�Ein Bericht.�

�Das ist es, was ich im Moment tun kann.�

Nora verschr�nkte die Arme. �Weil er der Ratsvorsitzende ist?�

Dobbs sah m�de aus. �Weil die halbe Stadt nur einen schlechten Tag davon entfernt ist, sich selbst zu zerst�ren.�

Eli trat n�her.

�Und wenn sie meinen Brunnen aufrei�en?�

Der Sheriff hatte keine Antwort.

Also gab Eli ihm einen.

�Wenn hier nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal jemand auftaucht, werde ich mein Haus verteidigen.�

Dobbs blickte auf die Schrotflinte, die im T�rrahmen der Veranda lehnte.

�Mach es nicht noch schlimmer.�

Elis Stimme war leise.

�Das habe ich nicht.�

Nora ver�ffentlichte das Videomaterial um die Mittagszeit.

Bis dahin war es im ganzen Landkreis verbreitet worden.

Um f�nf Uhr rief ein Nachrichtensender aus Wichita an.

 

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