Ein Motorradfahrer kam jede Woche zum Grab meiner Frau, und monatelang hatte ich keine Ahnung, wer er war.

Sechs Monate lang beobachtete ich ihn aus meinem Auto heraus.

Immer am selben Tag.

Immer zur selben  Zeit.

Zeitund Kalender

Jeden Samstag um 14 Uhr fuhr er mit seiner Harley zum Friedhof, parkte neben der alten Eiche und ging direkt zu Emilys Grabstein.

Dann saß er eine ganze Stunde an ihrem Grab.

Er brachte nie Blumen.

Ich hinterließ nie eine Nachricht.

Ich sprach nie laut genug, dass ich ihn hätte hören können.

Er saß einfach nur im Schneidersitz im Gras, den Kopf gesenkt, als trüge er einen Schmerz, der zu schwer zum Stehen war.

Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich, ich hätte mich geirrt.

Es war ein großer Friedhof. Gräber kann man leicht verwechseln.

Aber dann kam er am darauffolgenden Samstag wieder.

Und am Samstag danach. Und wieder.

Woche für Woche trauerte dieser Fremde um meine Frau, als wäre sie auch seine gewesen.

Menschund Gesellschaft

Zuerst war ich verwirrt.

Dann wurde ich wütend.

Wer war er?

Woher kannte er Emily?

Warum tauchte dieser Mann jede Woche bei ihr auf, während manche ihrer eigenen Familienmitglieder kaum kamen?

Emily war vierzehn Monate zuvor an Brustkrebs gestorben.

Sie war erst dreiundvierzig.

Wir waren zwanzig Jahre verheiratet.

Zwei Kinder.

Ein ruhiges Zuhause. Sie war Kinderkrankenschwester gewesen.

Sie engagierte sich ehrenamtlich in der Kirche.

Sie fuhr einen silbernen Minivan und packte Snacks für jede Schulveranstaltung ein.

Ihre Vorstellung von Regelbruch war, vor dem Abendessen ein Dessert zu bestellen.

Aber dieser Motorradfahrer trauerte um sie, als hätte sie einen unersetzlichen Menschen verloren.

Manchmal sah ich aus meinem Auto, wie ihre Schultern zitterten.

Manchmal, bevor sie ging, legte sie eine feste Hand auf ihren Grabstein und hielt sie dort einige Sekunden lang.

Als würde er sich noch einmal verabschieden.

Im dritten Monat hielt ich es nicht mehr aus. An jenem Samstag stieg ich aus dem Auto und ging auf ihn zu.

Er hörte meine Schritte, drehte sich aber nicht um.

Seine Hand blieb auf Emilys Namen gepresst.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich, meine Stimme deutlicher als beabsichtigt. „Ich bin Emilys Ehemann. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie mir sagen, wer Sie sind.“

Zeitund Kalender

Lange Zeit schwieg er.

Dann stand er langsam auf, drehte sich zu mir um und sah aus wie ein Mann, der sechs Monate auf diese Frage gewartet hatte.

Schließlich sagte er:

„Ihre Frau war meine …“

 

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