Ich saß auf meinem Sofa und las alles, Tränen in den Augen.
Am nächsten Morgen hatte sich ein Plan herausgebildet.
Wir konnten vor dem Unterricht nichts unternehmen, da Herr Walter noch fahren musste. Deshalb war die Idee, ihn am Freitag nach seiner letzten Nachmittagstour zu überraschen, wenn er wie üblich hinter der Schule parkte.
Zunächst sollten es nur ein paar Karten und vielleicht Cupcakes sein.
Bis Mittwoch hatte es die Hälfte der Stadt erfasst.
Die Lehrer wollten mitmachen. Auch der Schulleiter war dabei, der Kunstclub der High School bot an, ein Banner anzufertigen, und die Bäckerei in der Innenstadt sagte zu, einen Kuchen zu spenden.
Ein Vater bot sich freiwillig an, Tische zusammenzuklappen.
Ein anderer sagte, er habe eine Musikanlage. Die Tochter eines Teenagers entwarf Flugblätter mit der Aufschrift: „Für den Mann, der sich an uns alle erinnerte.“
Sogar Leute, deren Kinder nicht die Schule besuchten, wollten kommen, weil sie Walters Liebe schon auf andere Weise erfahren hatten.
Damals erfuhr ich mehr über Herrn Walter als in acht Jahren Mutterschaft.
Seine Frau June war vor 12 Jahren nach langer Krankheit gestorben.
Sie hatten nie Kinder.
Er lebte allein, pflegte im Sommer einen Gemüsegarten und brachte jeden Tag noch seinen eigenen Kaffee in derselben verbeulten Thermoskanne mit.
Eine der Schulsekretärinnen, Linda, kannte ihn und seine verstorbene Frau am längsten. Sie erzählte uns, dass die Geburtstagskarten wegen seiner geliebten June entstanden waren.
„Sie haben sie immer zusammen geschrieben“, sagte sie. „Sie saß mit einer Namensliste am Küchentisch und erinnerte ihn daran, nichts falsch zu schreiben.“
Dieses Detail hat mich aus dem Konzept gebracht.
Nach Junes Tod machte er alleine weiter.
Der Freitag war kälter als erwartet. Klarer Himmel und starker Wind.
So ein Nachmittag, an dem kleine Kinder ihre Jacken bis zum Kinn hochziehen.
Wir waren frühzeitig auf dem Schulparkplatz, weil ich Ben dabei hatte, und er wäre vor Aufregung fast explodiert, wenn wir erst in letzter Minute angekommen wären.
Der Ort sah unglaublich aus. Eltern trugen Plakate und Lehrer luden Tabletts mit Keksen aus.
Schüler der Mittelschule hielten riesige, handgezeichnete Schilder hoch, auf denen Dinge standen wie: „WIR HABEN AUCH AN DEINEN GEBURTSTAG GEDACHT.“
Ehemalige Schüler waren überall zu sehen. Einige hatten alte Visitenkarten in Plastikhüllen dabei, und eine Frau hatte ihre sogar eingerahmt.
Ich sah Linda mit einer jungen Frau sprechen, die ich nicht kannte.
Sie wirkte wie Anfang dreißig, trug einen dunklen Mantel und hielt in beiden Händen eine kleine, eingepackte Schachtel. Sie schien nervöser zu sein als alle anderen, als wäre sie nicht nur wegen der Party da.
Ich ging hinüber und sagte Hallo.
Linda stellte sie als Hannah vor.
Irgendwie hatte Hannahs Lächeln den Eindruck, dass sie sich noch nicht entschieden hatte, ob sie gleich weinen würde.
Bevor ich weitere Fragen stellen konnte, sagte Linda leise: „Das ist eine lange Geschichte. Aber sie sollte hier sein.“
Also habe ich es dabei belassen.
Um 15:15 Uhr war der Parkplatz hinter der Schule voll.
Das Banner hing zwischen zwei Pfosten: „Alles Gute zum Geburtstag, Herr Walter.“
Dann rief jemand: „Bus!“ und es wurde still.
Der große gelbe Wagen rollte langsam auf den Parkplatz, genau wie an tausend Nachmittagen zuvor, und parkte an seinem gewohnten Platz.
Einen Augenblick lang rührte sich niemand.
Der Motor ging aus, und wir alle warteten.
Ich konnte ihn durch die Windschutzscheibe sehen, wie er seine Sachen zusammenpackte. Er bewegte sich langsam und müde, wie ein Mann, der nach Hause in ein sehr stilles Haus geht.
Dann klappten die Türen auf, und er trat auf den Bürgersteig.
Der gesamte Parkplatz brach in Applaus und Jubel aus. Kinder riefen: „Alles Gute zum Geburtstag, Herr Walter!“
Er erstarrte. Seine Schultern zuckten, als wäre er erschrocken. Sein Blick wanderte zunächst verständnislos über die Menge. Dann sah er das Banner, die Kinder, die ehemaligen Schüler und die Karten in den Händen der Leute.
Er hielt sich den Mund zu.
Das war genau der Moment, als fast alle um mich herum anfingen zu weinen.
