„Über was denn?“
Ich sah sie einen langen Moment an.
„Über den Mann, mit dem sie verheiratet ist.“
Alexis lächelte selbstsicher.
„Ich kenne Richard besser als jeder andere.“
Dieser Satz traf mich fast körperlich.
Nicht weil er wahr war.
Sondern weil ich ihn früher selbst geglaubt hatte.
Fünfzehn Jahre Ehe.
Gemeinsame Urlaube.
Unzählige Geburtstage.
Die Renovierung unseres Hauses.
Der Tod seiner Mutter.
Der Verlust meines Vaters.
Jede einzelne Erinnerung hatte mich glauben lassen, dass zwischen uns nichts verborgen blieb.
Und doch saß ich nun meinem eigenen Ehemann fremder gegenüber als der Frau, die erst seit elf Monaten Teil seines Lebens war.
Plötzlich vibrierte ihr Handy.
Alexis lächelte, sobald sie den Bildschirm sah.
„Er schreibt.“
Sie tippte die Nachricht an und lachte leise.
„Was sagt er?“, fragte ich.
„Er entschuldigt sich. Das Meeting dauert wohl etwas länger.“
Mein Blick wanderte automatisch zur Uhr an der Wand.
Richard hätte vor zwanzig Minuten zu Hause sein sollen.
Bei seiner Ehefrau.
Stattdessen schrieb er seiner Geliebten.
Alexis las weiter.
„Er sagt, ich soll es mir gemütlich machen und auf ihn warten. Er bringt mein Lieblingsdessert mit.“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Das Lieblingsdessert.
Cheesecake mit Himbeeren.
Dasselbe Dessert hatte ich Richard gestern vorgeschlagen.
Er hatte nur geantwortet, er habe im Moment keine Lust auf Süßes.
Offenbar hatte er einfach keine Lust, es mit mir zu essen.
„Sie haben wirklich Glück“, sagte ich.
Sie nickte glücklich.
„Das weiß ich.“
Sie blickte sich im Wohnzimmer um.
„Ich kann es kaum erwarten, bis wir irgendwann unser eigenes Zuhause haben. Etwas Kleines reicht völlig. Hauptsache, wir können endlich offen zusammen sein.“
Ich spürte, wie sich mein Herz langsam beruhigte.
Nicht weil der Schmerz nachließ.
Sondern weil etwas anderes seinen Platz einnahm.
Klarheit.
Jede einzelne Lüge, jede Ausrede und jede verschwundene Stunde ergaben plötzlich ein vollständiges Bild.
Es gab nichts mehr zu erraten.
Keine offenen Fragen.
Keine Unsicherheit.
Ich musste Richard nicht mehr zur Rede stellen, um die Wahrheit herauszufinden.
Sie saß bereits auf meinem Sofa und erzählte sie mir bereitwillig.
Das Erstaunlichste war jedoch nicht ihre Offenheit.
Es war ihr Vertrauen.
Sie glaubte tatsächlich, sie befinde sich in einer romantischen Liebesgeschichte.
Sie hatte keine Ahnung, dass sie gerade der Ehefrau ihres Freundes gegenübersaß.
Und sie ahnte nicht, dass sich in wenigen Minuten die Haustür öffnen würde.
Richard würde hereinkommen.
Mit einem Stück Himbeer-Cheesecake in der Hand.
Und zum ersten Mal seit fast einem Jahr würden sich seine beiden Welten im selben Raum begegnen.
